Dienstag, 9. September 2008

"The Rock" - ein Mythos?

"Sie haben anspruch auf Verpflegung, Kleidung, Unterbringung und medizinische Versorgung. Alles andere sind Privilegien." Tönt einigermassen menschenfreundlich; es ist Nr. 5 der Gefängnisregeln und Verordnungen von Alcatraz aus dem Jahre 1934.
From Seattle to San Diego-Tour
(Man beachte bitte die Fotos im Album, die wir zusätzlich zu den im Text eingebetteten
Der schönsten amerikanischen Stadt vorgelagert ist die Insel Alcatraz, bekannt, berüchtigt als das ehemalige Hochsicherheitsgefängnis der USA. Die Insel bietet den fantastischsten Blick auf die Skyline von SF; die Stadt scheint nur einen Steinwurf entfernt. Es sind tatsächlich nur 2 km. Schwer zu glauben, dass es von da kein Entkommen gegeben haben soll.
Die Fakten: Alcatraz war
  • Festung, von der Goldrauschzeit bis 1907
  • Gefängnis für eigene und konföderierte Soldaten während des Bürgerkriegs und für Kriegsgefangen während des Grossspanisch-Amerikanischen Krieges 1898
  • Internierungslager für Indianer während der Indianerkriege in der zweiten Hälfte des 19. Jhs
  • ab 1915 Strafkaserne und Gefängnis für Kriegsdienstverweigerer
  • 1934 - 1963 Bundesstrafgefängnis und als solches ohne Zweifel eine Hochsicherheitsanstalt (mit weitgehendem Besuchsverbot und ausgeprägter Geheimhaltung)
  • ab Nov 1969 während 19 Monaten durch Indianer besetzte Insel (Den Kauf von Manhattan Island - 1626 - nachahmend wollten die "Indianer aller Stämme" die Insel für Perlen und Stoffe im Wert von 24$ von der Bundesregierung zurückkaufen. Presse und Öffentliche Meinung reagierten positiv, die Gerichte lehnten die Forderung ab.)
Seit 1972 gehört Alcatraz zum Golden Gate Nationalpark.
Die Millionen Besucher jährlich werden vom Mythos Alcatraz angezogen, der genärt wurde von Gefangenen wie Al "Scarface" Capone, George "Machine Gun" Kelly oder dem "Vogelmann" Robert Stroud (der seine berühmten Vogelstudien jedoch in einem früheren Gefängnis machte; hier durfte er keine Vögel halten).
Und die Ausbruchsversuche? Sie sind bis auf einen tatsächlich alle gescheitert, einmal allerdings nach einer 3-tägigen "Schlacht" in der die Marine eingriff und den Gefängnistrakt mit Granaten beschoss.
From Seattle to San Diego-Tour
Ob es einen erfolgreichen Ausbruch gab, ist umstritten. Im Juni 1962 setzten sich Frank Morris und die Brüder John und Clarence Anglin zu Wasser ab. Sie hatten ein Jahr lang mit als Löffeln getarntem Stahlwerkzeug die Rückwand ihrer Zelle aufgebrochen, waren dann über den Versorgungsschacht geklettert, und seither fehlt von ihnen jede Spur. (Damit man ihr Verschwinden die ganze Nacht über nicht bemerkte, hatten sie täuschend nachgeahmte Köpfe auf ihre Kopfkissen gelegt.)
From Seattle to San Diego-Tour
From Seattle to San Diego-Tour
Übers Wasser nach SF sollen sie Regenmäntel als Schwimmkörper benutzt haben. Man geht davon aus, dass sie dabei ertrunken sind, aber es wurde nie eine Leiche gefunden. (Die meisten werden die Verfilmung dieses Ausbruchs mit Clint Eastwood in der Hauptrolle kennen.)
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Nach dem Besuch von Alcatraz liessen wir uns zum zweiten Mal in den 52. Stock des Bank of America-Turmes zum Carmelian Room fahren, sahen aber auch heute keinen Sonnenuntergang. Seit zwei Tagen ist der Himmel meist bedeckt, die Temperaturen sind um 15°C gesunken.
Es dauerte doch tatsächlich bis zum letzten Abend bis wir feststellten, dass ganz in der Nähe unseres Hostels es eine Jack Kerouac Strasse gibt (siehe Fotos im Albums anschliessend an das obere).
Entgegen unser führeren Absicht werden wir unsere Reise morgen nach Süden fortsetzen. Hoffentlich ist es ein gutes Omen, dass der Plattfuss im Hinterrad von Gerold's Velo frühzeitig behoben werden konnte. (Anti-Roman-Start-Kontrolle der Räder am Abend vor der Abreise.)
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Montag, 8. September 2008

Zur Geschichte der Cable Cars

Da San Francisco trotz seiner hügeligen Topographie das übliche Raster aus rechtwinkligen geraden Strassen erhalten hatte, bekam es ein Transportproblem. Die zum Teil über 20% Steigungen waren auch mit vielspännigen Pferdebahnen eigentlich nicht zu bewältigen. Es führte oft zu Unfällen mit Menschen und Pferden. So beobachtete an einem Wintertag 1869 ein junger Ingenieur einen solchen Unfall. Fünf Pferde versuchten einen Pferdebahnwagen die Stockton Street hinaufzuziehen. Als eines von ihnen zu Fall kam begann die Bahn zurück zu rollen, den ganzen Abhang hinunter und zog alle Pferde und mehrere Fahrgäste in den Tod. Der Ingenieur suchte nach einer Lösung, und als Sohn eines Drahtseilfabrikanten kam er auf die Lösung, die San Francisco ein weltweit einzigartiges System für Personentransporte bescherte.
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1873 fuhr der erste Cable Car die Clay Street hinauf. Hallidie hatte ein Stahlkabel entwickelt, das mit den notwendigen Umlenkrollen versehen, die Wagen die Hügel hinauf und hinunter ziehen konnte. Bis 1894 gab es sieben Linien mit einem Streckennetz von 170 km. (Die Grundstückspreise entlang der Cable Car-Linien schnellten in die Höhe.)
Ende der 194oer-Jahre schien das Ende der Cable Cars gekommen. Man begann Dieselbusse einzusetzen. Zu dieser Zeit kam es auf den abgewetzten Schienen der Cable Cars regelmässig zu Entgleisungen. Vor dem endgültigen Aus bewahrte sie eine Lobby aus Bürger und Bürgerinnen. Es gelang ihr die Weichen für den Erhalt zu stellen. Aber erst ab 1982 begann die Renovation. Rund 60 Mio. $ wurde in die Totalerneuerung investiert, so dass die Cable Cars seit 1984 wieder rollen, technisch jetzt perfekt, aber mit zum Teil über 100-jährigen Originalwaggons so schön, wie anno dazumal.

Von San Francisco auf die Lenzburg

Auch SF ist wenig älter als 150 Jahre. Ein Nest von wenigen hundert Einwohnern explodierte ab 1849 mit dem Beginn des Goldrausches zur Stadt, der rasch der Platz ausging. Land bzw. Baugrund gewannen sie auf ebenso unkonventionelle wie trügerische Weise: ungebrauchte Schiffe wurden mit Schutt gefüllt und versenkt. Das die darauf gebauten Häuser dann beim Erdbeben 1906 in sich zusammenkrachten, versteht sich von selbst.

In der Goldrausch-Zeit trafen hier auch zwei unkonventionelle Leute aufeinander: Emilie Kammerer aus Zürich und Friedrich Wilhelm Wedekind aus Deutschland. Sie war nach dem Tod ihres Vaters, des Erfinders des Zündholzes, auf abenteuerliche Weise über den Atlantik und die Westküste Südamerikas nach SF gekommen und hatte ihre ausgebildete Stimme als ihr Kapital eingesetzt. Sie heiratete einen Wirt und trat in dessen Kneipe als Sängerin auf. Ihr begegnete der Arzt F. W. Wedekind, der nach der 48er-Revolution nach Amerika ausgewandert war. Er befreite die jüngere Emilie aus ihrer unglücklicheren Tingeltangelmädchen und als Ehefrau eines ungeliebten Mannes - und heiratete sie. Nach der Geburt der ersten Kinder kehrte die Familie zurück nach Deutschland und übersiedelte schliesslich auf das Schloss Lenzburg. (Der Kanton Aargau hatte es in einer deutschen Zeitung zum Verkauf ausgeschrieben.) Einer ihrer Söhne, Frank(lin), wurde dann zu einem der bedeutesten deutschen Dramatiker. Er schrieb u.a. die Kindertragödie "Frühlings Erwachen" und die "Lulu"-Tragödie. (Das Schloss war übrigens für das Ehepaar gut gewählt, denn im weitläufigen Gebäude konnten sie sich aus dem Wege gehen und mussten sich nur zu den Mahlzeiten treffen. Die beiden gänzlich verschiedenen Charaktere lebten in beständigem Streit miteinander.)

Städtebauliche Akzente

Eine kleine Fototour durch San Francisco:
From Seattle to San Diego-Tour

Stanford University und SLAC

Gestern trafen wir uns mit Florian B., der für ein Jahr am Stanford Linear Accelerator Center, SLAC, arbeitet. Er gab uns eine Tour des stillgelegten Beschleunigers und der Stanford University. Die Experimente am SLAC sind an sich abgeschlossen; die Arbeit der Teilchenphysiker ist aber noch längere Zeit das Auswerten der Daten. Drei Physik- und ein Chemie-Nobelpreis sind direkt mit Arbeiten am SLAC verbunden.
Eintritt aufs Areal erhielten wir erst nach dem Ausfüllen einiger Formulare. Mit einem Badge mit Strahlungsmesser versehen begannen wir die Tour.
Der lineare Beschleuniger ist mit seinen 3 km beeindruckend lang, aber von aussen ziemlich unscheinbar.
From Seattle to San Diego-Tour
Die Elektronen und Positronen werden im Untergrund unter dem Blechkasten hindurch geschossen. Alles ist abgeschirmt mit dicken Betonklötzen. Einige davon, inzwischen nicht mehr gebraucht, stehen nun auf dem Gelände neben dem Beschleuniger,wo sie gelagert werden, bis sie nicht mehr radioaktiv strahlen.
Der main control room, mit Elektronik und Computern aus den 60er-Jahren ist dann schon wesentlich spannender zum Begehen:
From Seattle to San Diego-Tour
Man wähnt sich in einem alten Science-Ficton-Film. Hier hat es etliche Schlösser und dazugehörige Schlüssel, die für die komplexen Zutrittsprotokolle benötigt werden. Schliesslich soll sich niemand in einem gefährlichen Bereich aufhalten, wenn der Beschleuniger gestartet wird. (Die Strahlung ist schliesslich um einiges höher als bei einer Mirkowelle.)
Besonderes Glück hatten wir, dass der Detektor des letzten Experiments, BaBar, gerade demontiert wird und also auch besichtigt werden konnte. Nun soll er zerlegt und nach Italien verschifft werden, wo die Bauteile für ein weiterführendes Experiment wiederverwendet werden sollen. Es ist jedoch fraglich, ob der Detektor jemals wieder in Betrieb gehen wird, denn die Gelder für den neuen Beschleuniger sind keineswegs sichergestellt. (Auch wenn man die Nähe zum CERN in Betracht zieht.)
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Das BaBar-Experiment in Kürze: Beim Urknall gab es eine Ungleichheit von Materie und Anti-Materie. Der Überschuss an Materie ermöglichte überhaupt erst dessen Existenz im Universum (sonst hätte sich einfach alles wieder aufgelöst). Im Detektor soll nun diese Ungleichheit gemessen bzw. Indizien für die Theorie gesammelt werden.

From Seattle to San Diego-Tour

Später haben wir den Campus der Universität besucht. Alles ziemlich beeindruckend! In dieser Parklandschaft zu studieren muss wirklich ein Vergnügen sein.
Ein paar Daten zu Stanford University:
  • gegründet 1891
  • eine der Eliteuniversitäten der USA (ganz in der Nähe befindet sich die ebenso bedeutende Universität Berkeley; beide haben eine Legion von Nobelpreisträgern hervorgebracht)
  • Wer hier studieren will, muss überdurchschnittlich leistungsfähig und begabt sein und ausserdem über ein gut gefülltes Portemonnaie verfügen, die Studiengebühren allein betragen nämlich 30'000$ pro Jahr.
  • knapp 15'000 Studenten
  • Ein grosszügiger, parkähnlicher Campus mit beeindruckender Kirche, Bibliotheken und Lehrgebäuden strahlen eine weihevolle Würde aus (Distanz zur Hektik der Aussenwelt).

From Seattle to San Diego-Tour
Ein Ziel der Wissenschaft müsste auch sein, sich so über alle Fakultäten hinweg und weltweit zu vernetzen, wie die Sensoren des BaBar.

Sonntag, 7. September 2008

Golden Gate Park

Auf dem Weg zum Golden Gate Park durchqueren wir wiederum Chinatown, jetzt vollgestopft mit Leuten. Volksfest, Einkaufsrummel und Werbung für alle möglichen Organisationen bzw. Weltanschauungen.
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Im Golden Gate Park sind wir dem Strom der Leute gefolgt und fanden uns bald im Power to the Peaceful Festival wieder:
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Samstag, 6. September 2008

SF - Erste Eindrücke

From Seattle to San Diego-Tour

Über eine Brücke wie die Golden Gate in SF einzufahren muss einer Stadt gleich Sympathiepunkte eintragen. Die hat sie auch verdient für die breiten Flanier-, Jogging- und Velowege entlang der nördlichen Bay bis zum Fisherman's Warf, dem Konsum- bzw. Vergnügungs-Mekka der Stadt. - Auf diesem Weg sind wir gestern früh gemütlich zu unserer Unterkunft im Green Tortoise Hostel gelangt. Wir haben hier am Rande von Chinatown vor Reisebeginn ein Zweibett-Zimmer buchen können - und schätzen natürlich das bisschen Privatheit. (Übrigens genossen wir bisher am meisten Privatheit und Ruhe auf den Campgrounds; wir möchten sie nicht missen.) Etwa in Unterschied zu den beiden Schweizern von vorgestern, die mit viel Aufwand ab heute Abend je ein Bett in einem 24-Betten-Zimmer (!) ergattern konnten.
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Ja, bis jetzt gefällts uns hier. Ein paar Tage nicht auf dem Rad sitzen, dafür mit Bus oder Cable-Car über eine der 40 Erhebungen gefahren zu werden (es geht wirklich steil rauf und runter!), das ist Erholung wie wir sie brauchen.
Vom sprichwörtlichen wattigen Weiss, bzw. Vormittagsnebel bisher nichts; stattdessen Hitze, die dazu zwingt, immer wieder die Strasse zu überqueren um auf die Schattenseite zu gelangen. Aber zum Glück wenig Hektik (ausser in Chinatown), viel saubere Luft und eine Stadtarchitektur, die von der Kleinstadt-Häuserzeile über die barocken Fassaden und Giebel im Chinesen Viertel bis zu den Glasfassaden der mordernen Hochhäuser alles umfasst. Das meiste - eben auch die Skyline - hier hat menschliches Mass. Nur wenige Skyscrapers sind höher als die Redwoods im Norden.
Wir haben einiges vor bis nächsten Mittwoch und werden den Vorschlag von Andreas natürlich realisieren. (Übrigens, Andreas, klar habe ich das Anasazi-Shirt auch noch - Ehrensache!)
Wir wollen auch ein wenig von der Esskultur SF's schnuppern. So wie das Jack Kerouac "On the Road" beschreibt, werden wir es wohl nicht geniessen. Eine kleine Kostprobe. "Durchs Fenster roch ich die Essensdünste von ganz San Franciscos. Da draussen gab es Fischrestaurants, wo die Semmeln warm auf dem Ofen kamen und sogar die Körbchen lecker genug waren, um sie aufzuknabbern; Ja, wo die Speisekarten selbst von einer zarten Bekömmlichkeit und Nahrhaftigkeit waren, als wären sie in scharfe Brühe getunkt und knusprig gebraten und gut genug, um auch sie zu verspeisen. Zeigt mir die panierte Goldmakrele auf einer Fischkarte und ich esse sie auf. Lasst mich nur den Duft zerlassener Butter auf Hummerscheren riechen." (Dieses Kultbuch gehört natürlich in unserer Reisebibliothek.)
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