Wir sind gestern Nachmittag in Brookings angekommen, dem letzten grösseren Ort vor der Grenze nach Kalifornien. Da unsere Velocomputer inzwischen mehr als 1000 km anzeigen, ist es höchste Zeit für einen Ruhetag. Den hier zu verbringen ist besonders praktisch, denn in der Nähe des Campgrounds können wir einkaufen und essen. Zudem befinden wir uns direkt am Meer und verfügen hier über die notwendige Infrastruktur (inkl. Laundry und Wifi). Auch das Wetter zeigt sich von der schönsten Seite. - Gestern konnten wir übrigens erstmals eine ganze Tagesetappe mit sehr kräftigem Rückenwind zurücklegen. Wir hoffen, dass uns dieselbem Winde auf den kommenden 2/3eln er Gesamtstrecke hin und wieder begleiten. Es lässt sich so sogar uphill gut pedalen.
Mit einiger Erwartung sehen wir der Etappe von morgen entgegen, erwarten uns doch wenige Meilen südlich der Grenze die ersten Redwood-Wälder.
Wir werden Oregons Küste in bester Erinnerung behalten, und zwar in jeder Beziehung. Die Leute, mit denen wir hier Kontakt hatten, begegneten uns ausnahmslos sympathisch. An der wilden Küste mit ihrem anforderungsreichen Klima leben selbstbewusste, offene, humorvolle Menschen. Ihr Staat unterscheidet sich in manchem von den anderen. Dass der Hiway 101 durchgehend mit einem Radstreifen versehen ist und wir regelmässig auch auf wunderschöne Alternativrouten geführt wurden, ist wohl ebenso typisch für Oregon wie das Gesetz aus den 1960er-Jahren, das den Strand für jedermann zugänglich macht, nämlich bis zu genau jener Linie, wohin die Wellen beim maximaler Flut schwappen können.
Die Küste Oregons ist dünn besiedelt; kaum ein Städtchen hat mehr als 5000 Einwohner. Viele von ihnen heissen einen nicht nur willkommen, sondern nennen auch die aktuelle Einwohnerzahl. In den kleinen Lokalzeitungen drucken sie aber auch aus dem täglichen Polizeitprotokoll ab: Beispiele aus dem "Port Orford Today!", 21-08-08 (Police report by Cheif Creighton):
- 08-07 police arrested Ryen Beech on a Parole and Probation order.
- 08-08 Police responded to Tichenor St on a call of a domestic assault at that location. Philip Russum was arrested for Domestic Assault.
- 08-13 All Emergency Services personnel responded to 11th and Oregon Street on a call of a motor vehicle crash. It was determined that the operator of a motor cycle had been driving for about 12 hours had drifted across several trafic lanes and stuck the curb causing the motorcycle to roll. The driver refused medical transport.
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Das Gesicht an der Küste ändert sich mit fast jeder Meile. Wasser und Land werden kaum je durch einen geraden Strich getrennt, sondern zerklüftete Felsen, Buchten und Sandstrände wechseln einander ab. Und immer wieder die unbezwingbaren Basaltmonolithe draussen vor der Küste. - Der Eindruck hängt jedoch vom Wetter ab, denn bei Nieselregen und Nebel sieht man wenig davon. Als Sinneseindrücke dominieren dann vor allem die nasse Kälte und das Rauschen der Wellen.
Auf Abschnitten, wo die Strasse weiter weg von der Küste verläuft, wirkt die Landschaft wie ausgewechselt. Da kommt man plötzlich durch hügeliges Farmland, das in seiner Topographie an Jurahöhen erinnert, von der Farbe her aber auch an ausgedörrte Walliser Südhänge (wo nach dem ersten Schnitt nichts nachwächst ohne Bewässerung).
An Oregons Pazifikküste kommt's auch zu einem bemerkenswerten Warenaustausch zwischen Asien und Amerika. Die Strände vor allem im nördlichen Oregen sind überfüllt von angeschwemmten Hölzern asiatischen Ursprungs, daruter Teakholz, Bambus und Mahagoni aus den Philippinen. Es finden sich aber auch gläserne Schwimmkörper japanischer Fischernetze. Andererseits werden in North Bend und Coos Bay, dem einzigen natürlichen Hafen für Hochseeschiffe, japanische Kähne mit Baumstämmen beladen oder in ihre Bäuche Sägemehlberge gesaugt. Die Japaner sollen für rohes Holz 20% mehr bezahlen als einheimische Sägemühlen und jeder vierte hier gewachsene Baumstamm zur Verarbeitung über den Ozean holen. In der Gegenrichtung bewegen sich die von den USA importieren Hi-Tech Produkte.
Neben der Geräuschkullisse der Brandung bleiben uns auch die Schreie, das Jaulen und das krächzende Bellen (undefinierbare Laute eben) der Seelöwen und -elefanten in den Ohren. Jene tönen so urzeitlich wie diese.
Im rauhen Klima hier scheint für die Oregonians der Teufel oft seine Hände im Spiel der Naturgewalten gehabt zu haben, denn der Beiname "devil" taucht mit erstaunlicher Regelmässigkeit auf.